"Jede Folgerung, die wir aus unseren Beobachtungen ziehen, ist meistens voreilig: Denn hinter den wahrgenommenen Erscheinungen gibt es solche, die wir undeutlich sehen, und hinter diesen wahrscheinlich noch andere, die wir überhaupt nicht erkennen." Gustave Le Bon

Die seelischen Einheit der Masse


Erstellt: 8. Oktober 2009 | Autor: Wolfgang Weicht | keine Kommentare »
Kategorien: Sozialarchitektur

2957154223_bdb54fddff_b-tiltshiftIm gewöhnlichen Sinne bedeutet Masse ein Zusammenschluss oder eine Vereinigung einzelner zu einer beliebigen Gruppe mit beliebigen Anlaß. Unter psychologischen Gesichtspunkt findet sich sich eine viel differenzierte Betrachtungweise zum Thema Masse. Unter bestimmten Umständen, und nur unter diesen, besitzt die Vereinigung einzelner Menschen, neue, von den Eigenschaften des einzelnen sich unterscheidende  Merkmale. Die Persönlichkeit des Einzelnen verschwindet, die Gefühle und Gedanken aller einzelnen sind in eine Richtung orientiert. Es entsteht eine Gemeinschaftsseele, die zwar veränderbar ist, jedoch einen eigenen Charakter darstellt. Aus der organischen Masse ist eine psychologische Masse geworden.

Sie bildet ein eigenes Wesen und unterliegt dem Gesetz der seelischen Einheit der Masse. Die Tatsache, das sich viele Menschen zusammenfinden, verleiht ihnen jedoch nicht automatisch die Eigenschaften einer organisierten Masse. Nur weil sich Menschen zufällig auf einem öffentlichen Platz ohne bestimmten Zweck versammeln sorgt dafür, das sich eine Masse im psychologischen Sinne bildet. Hierfür ist der Einfluss eines Reizes nötig, der in diesem Artikel grob umrissen werden soll.

3615813495_86eb50744e_o-tiltshiftDas schwinden der bewussten Persönlichkeit des einzelnen und das Aufkeimen von Gefühlen und Gedanken in eine bestimmte Masse-Richtung bedarf nicht immer der konkreten Anwesenheit mehrerer Menschen an einem bestimmten Ort, wie wir spätestens seit der Internet-Meme zur Wahl im Iran wissen. Tausende voneinander getrennt lebende können im richtigen Augenblick unter dem Einfluss starker Gemütsbewegungen die Kennzeichen einer psychologischen Masse annehmen. Irgendein Zufall, der sie vereint, genügt, damit ihre Handlungen die Form der Massenhandlung annehmen. In gewissen historischen Augenblicken können sogar wenige Menschen eine psychologische Masse ausmachen, während in einem anderen Moment mehrere tausend Menschen nicht ausreichen eine Bewegung loszulösen.

Formt sich nun eine psychologische Masse, so erwirbt sie allgemein bestimmbare Merkmale. Diese festen Merkmalen werden durch dynamische Merkmale ergänzt, die je nach Zusammensetzung der Masse und ihrer geistigen Struktur  sich verändern. Das Überraschendste an einer psychologischen Masse ist die Tatsache, dass es egal ist welcher Art der einzelne ist, der zur Bildung der Masse beiträgt; es egal ist wie ähnlich oder unähnlich sich die Personen in einer solchen Gruppe sind, sei es über den Aspekt der Lebensweise, Charakter oder Intelligenz. Durch die Vereinigung zur Masse entsteht eine Gemeinschaftsseele, innerhalb derer das Individuum auf andere Weise fühlt, denkt und handelt, als es für sich selbst agieren würde.

310150073_7e6e1791f2_o-tiltshiftGewisse Ideen und Gefühle treten nur bei denen zur Masse zugeneigten auf und führen zu entsprechenden Handlungen. Die psychologische Masse ist also ein unbestimmtes Wesen, das aus ungleichen Bestandteilen besteht, die sich für einen Augenblick verbinden. Im organischen Sinne gesprochen entsteht aus der Vereinigung mehrerer Zellen ein neuer Organismus mit neuen Eigenschaften, die nicht von den ursprünglichen Zellen vererbt wurden. Die Masse ist daher nicht so intelligent wie der Durchschnitt ihrer Teilnehmer. Es ist zwar leicht festzustellen, inwieweit der einzelne in einer Masse sich von einem außenstehenden Individuum unterscheidet, die Ursachen jedoch zu erklären fällt schwerer.

Um die Ursachen zu verstehen sollte man sich eine zentrale Feststellung der modernen Psychologie in Erinnerung rufen, daß nicht nur im organischen Leben, sondern auch in den Vorgängen des Verstandes das Unbewusste eine ausschlaggebende Rolle spielt. Das Bewusste spielt im Vergleich zum Unbewussten nur eine untergeordnete Rolle. Bewußte Handlungen entspringen einer unbewußten Grundlage, die durch Vererbung geschaffen wird. Die Mehrzahl unserer täglichen Handlungen ist nur das Ergebnis verborgener Triebkräfte, die sich unserer Kenntnis entziehen.

122292726_7854d621a2_o-tiltshiftDurch die vererbten unbewußten Bestandteile, die unsere Rasse bilden, ähneln sich alle einzelnen der Rasse, durch die bewussten Anlagen hingegen, bewusste Erziehung, unterscheiden sie sich voneinander. Daher haben Menschen von verschiedenster Intelligenz äußerst ähnliche Triebe. Zwischen einem großen Strategen und einem Handwerker kann verstandesgemäß ein Abgrund klaffen, aber hinsichtlich des Charakters ist der Unterschied oft nicht sehr groß. Besucher von Fußballspielen, Rockkonzerten, Freudenhäusern oder Automessen seien hier exemplarisch angeführt. Diese allgemeinen und unbewußten Charaktereigenschaften werden in der Masse vergemeinschaftlicht. In der Seele der Masse verwischt die Persönlichkeit des Einzelnen und die unbewußten Eigenschaften überwiegen.

Dies erklärt auch, warum Massen eine gewisses Handlungsniveau nicht überschreiten können um bestimmte Handlungen auszuführen. So unterscheiden sich die Ergebnisse einer Versammlung von hervorragenden, aber verschiedenartigen Menschen nicht merklich von denen einer Versammlung von Dummköpfen. Sie können nur mittelmäßige Allerweltseigenschaften vergemeinschaftlichen. Die Masse nimmt also nicht den Geist, sondern nur die Mittelmäßigkeit in sich auf. So hat nicht die “ganze Welt mehr Geist als Voltaire”, sondern eher “Voltaire mehr Geist als die ganze Welt”. Beschränken sich die Individuen innerhalb einer Masse aber auf die Verschmelzung ihrer allgemeinen Eigenschaften, so ergäbe sich daraus nur der Durchschnitt, aber nicht die Schöpfung neuer Eigentümlichkeiten.

428075123_3d3ab4af60_o-tiltshiftDie Entstehung von Charaktereigenschaften einer Masse hat dabei verschiedene Ursachen. Zum einen erlangt der einzelne in der Masse schon durch die Tatsache der “Menge Mensch” zum Teil ein Gefühl unüberwindlicher Macht, welches ihm erlaubt Gefühle zu entwickeln, die er für sich allein notwendig gezügelt hätte. Je größer die Namenlosigkeit und die Verantwortungslosigkeit der Masse ist, umso eher verschwindet er in ihr. Zum anderen kommt es zu einer geistigen Übertragung. In der Masse ist jedes Gefühl oder jede Handlung übertragbar. Dies kann soweit gehen, daß der einzelne seine persönlichen Wünsche dem Gesamtwunsch opfert, wie wir es bei religiösen Gemeinschaften beobachten können. Die wichtigste Ursache ist jedoch die Beeinflußbarkeit, von der die geistige Übertragung nur eine Version ist.

Diese Beeinflussbarkeit durch den Schoß der Masse kann dabei hypnotische Auswirkungen auf den einzelnen haben. Der Verstand wird lahmgelegt und der einzelne wird Sklave seiner unbewußten Kräfte, die durch die Seele der Masse gelängt werden. Dies kann bis zu bewussten Löschung der Persönlichkeit  führen. Die Masse wird dabei zum Hypnotiseur des Individuums.

Macht der MasseDie Hauptmerkmale des einzelnen in der Masse sind also das Schwinden der bewussten Persönlichkeit, die Vorherrschaft des unbewußten Wesens, Leitung der Gedanken und Gefühle durch Beeinflussung und Übertragung in die gleiche Richtung, und Neigung der Verwirklichung der eingeflößten Idee. Der einzelne ist also nicht mehr er selbst. Durch die Gruppenmitgliedschaft steigt das gebildete Individuum auf der Leiter der Kulturen einige Stufen Richtung Barbarei herab und wird zu einem Sandkorn in einem Haufen von Sandkörnern. Die Masse ist dem alleinstehenden intellektuell daher stets untergeordnet. Hinsichtlich der Gefühle und der daraus entstehenden Handlungen kann sie aber besser oder schlechter sein. Es hängt also vom Einfluss ab, unter dem die Masse steht. So kann man sie leicht für den Glauben in den Tod schicken, man kann sie aber auch für Ruhm und Ehre begeistern. Dies mag erschreckend und wie die Kiste der Pandora wirken, aber durch solche Mechaniken vollzieht sich Geschichte und damit auch ein gesellschaftlicher Wandel. So gesehen ist es fraglich ob eine mit kalter Überlegung und Planung angedachte Revolution überhaupt möglich wäre.

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