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Sozialarchitektur oder gesellschaftlichen Wandel im Internet gestalten

Kategorie: EduBar, Sozialarchitektur | Tags: , , | Kommentare deaktiviert

Schule 2.0 versteht sich als Bindeglied zwischen Theorie und Praxis, was das  Thema Internet und Schule betrifft. Um dem Artikel “Schnittstellen zwischen Theorie und Praxis” von lisarosa etwas entgegenzusetzen, wollen wir hier in loser Folge Artikel und Ideen zum Thema Sozialarchitektur (neudeutsch Social Architecture) veröffentlichen, die den Brückenschlag zwischen Technologie und Nutzung herstellen. Diese Interaktion wird in der Informationstechnologie zwar schon seit ihren Anfängen durch die Bereiche Informationsarchitektur, Usability und Co. abgedeckt, jedoch beschränkte man sich hier konzeptionell auf die Interaktion innerhalb des Mensch-Maschine Systems. Durch das Internet hat sich diese Sichtweise jedoch radikal erweitert. Menschen interagieren jetzt primär durch die Maschine mit anderen Menschen. Während man früher daran arbeitete Maschinen und Menschen eine gemeinsame Sprache beizubringen (Der Desktop als Metapher für meinen Schreibtisch), verlagern sich im Web und vor allem in sozialen Netzen die Anforderungen an die technischen Werkzeuge. Sie müssen sich den menschlichen Kommunikationsgewohnheiten und -bedürfnissen anpassen um erfolgreich zu sein.

Wer also Informationstechnologie erfolgreich zur Interaktion zwischen Menschen einsetzten will, muß wissen wie Menschen kommunizieren. Daher ist hier ein Brückenschlag der wissenschaftlichen Disziplinen nötig. So wie sich Neurobiologie und Psychologie logisch ergänzen, benötigt ein sinnvolle Nutzung der Meta-Maschine Internet nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse über den Dialog des einzelnen mit der Webseite, sondern auch der Nutzer untereinander. Informationstechnologie bekommt damit eine soziale und gesellschaftliche Verantwortung. Es geht also nicht mehr nur um Informationsarchitektur, sondern auch um die Architektur des sozialen Miteinanders, wie wir seit “Spick mich” spätestens wissen.

Die digtale Blaupause der Gesellschaft

Dieses gesellschaftliche System ist einem ständigen Veränderungsprozeß unterworfen, durch äußere Zwänge oder Egoismus und Altruismus innerhalb der Gesellschaft. Der einzelne Mensch unterliegt dabei einem ständigen Lernprozeß, der in verschiedenen sozialen Untersystemen (Ehe, Familie, Arbeit, Schule, Verein) stattfindet, wobei die darin gewonnen Erfahrungen von einem System in das andere übertragen werden.  Soziale Strukturen stehen also auch in einem Kontext zueinander. Diese soziale Struktur wird auch immer mehr zur Blaupause einer sich digital vernetzenden Gesellschaft.

Wir leben dabei unsere verschiedenen sozialen Rollen auf  diversen Plattformen Online aus, erstellen dafür passende Freundeskreise, die in dem sozialen System entsprechend untereinander kommunizieren.  Es entsteht dabei keine Kopie der Realität, sondern das digitale Adäquat unserer Bedürfnisse. Bei Myspace ist das etwas bunter als bei “Wer kennt Wen” und auf  Facebook hegt man einen anderen Umgangston als bei Xing.

Schule ist ein Soziales Netzwerk

Leider beschränkt sich die Diskussion beim Thema Schule und Internet in vielen Bereichen auf die Digitalisierung des Lernprozesses. Das Schüler aber nicht nur Lernen, sondern auch kommunizieren wollen, wissen wir spätestens seit SchülerVZ. Schule ist der wichtigste Ort der Kommunikation, denn hier verbringen Jugendliche den Großteil ihrer Zeit. Hier knüpfen und pflegen sie soziale Kontakte. Wer Schule also im gesellschaftlichen Kontext betrachtet, muß genau hinsehen. Er wird erkennen, daß Schule im Netz nicht meint eine webbasierte Anwendung zur Lernunterstützung auf einem Webserver zu installieren und nun auf die pädagogische Heilsbringung durch den technischen Fortschritt zu warten, sondern sich Gedanken über die kommunikativen Aspekte, den Dialog innerhalb der Schule zu machen und wie ihn technische Möglichkeiten dabei unterstützen können und den Dialog einleiten und verstärken können.

Ein Soziales Netzwerk Online zu entwerfen ist eine weit empfindlichere Angelegenheit, als die meisten denken

Wenn ein Architekt einen körperlichen Raum der Gemeinschaft entwirft, betrachtet er auch die sozialen Aspekte der Interaktion in diesem Raum. Ein Großraumbüro kann offen gestaltet werden, es kann aber auch wie ein Cubical wirken. Der Raum kann dadurch Individualität, Privatleben und Respekt fördern, aber auch Zusammenarbeit, Ablenkung und Kommunikation verhindern. Auch wenn der architektonische Prozess abgeschlossen ist und es gewisse sozialen Vorgaben für die Gruppe gibt, so kann der Einzelne innerhalb dieser Vorgaben sich den sozialen Raum “personalisieren”. Bürotüren können offen gelassen werden um Dialogbereitschaft zu signalisieren oder auch nicht, um ein plakatives Beispiel zu nennen. Das ist körperliche Architektur. Die Informationsarchitektur von Online-Communities ist jedoch deterministisch und weit weniger flexibel. Sie definiert durch Computercodes mit wem ich sprechen kann, zu welchen Informationen ich Zugang habe und wo ich hingehen darf und wo nicht. Online ist Informationsarchitektur daher auch immer Sozialarchitektur.

Marshall McLuhan: “The form and constraints of a medium shape the thoughts and behaviors of those who use them. Every user interface and information architecture is a different medium that has a fundamental influence on its users’ thoughts.

Jedes Webangebot baut daher auch auf einem sozialen Konzept auf, hat so etwas wie ein Mantra. Das unterscheidet Flickr von Shutterfly. Während Flickr in eine gemeinsame Welt einlädt, um dort mit anderen Fotos und Erinnerungen zu teilen, ist Shutterfly benutzerorientiert und läßt nur ausgewählte Freunde und Familienmitglieder an den Bildern teilhaben. Auch wenn man nun ohne Probleme bei Shutterfly die kommunikativen Funktionen von Flickr implementieren könnte, so würde sich nichts am grundlegenden sozialen Konzept (teilen vs. besitzen) ändern.

Wer also eine Online-Plattform bruchstückhaft aufbaut, indem er einzelne “Features” zusammenträgt, die isoliert betrachtet sinnvoll erscheinen, sieht nicht , das er langfristig damit auch eine soziale Architektur schafft. Diese Funktionen können durchaus auch widersprüchlich sein zu der Sozialdynamik, die sie erzeugen. Als aktuelles Beispiel kann hier der Versuch von Facebook gesehen werden, den Nutzerfeed in Richtung Twitterfunktionalitäten und mehr Öffentlichkeit zu erweitern. Gefragt sind Online-Konzepte, die auf ein breites Niveau und nicht Details aufbauen, indem sie sich erst Gedanken über die Sozialarchitektur machen und sich dann erst die passenden technischen Möglichkeiten zur Umsetzung suchen.

Mit der Idee “EduBar – Die Bildungsverbesser” soll genau dieser Prozeß, der Austausch und Dialog zwischen den Disziplinen, der der Pädagogik und der der digitalen Kommunikation eingeleitet werden, um den Rahmen für neue Bildungskonzepte zu schaffen und bestehende zu unterstützen und weiterzuentwickeln.

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